Mit Hyperhidrose durch den Büroalltag - ohne Medikamente

Hallo allerseits,
ich bin zwar schon länger Mitglied, aber erst jetzt aktiv. Vielleicht sind meine Alltagserfahrungen ja für den einen oder die andere nützlich und deshalb möchte ich mich kurz vorstellen. Ich habe keine Ahnung, ob mir die Aktivität in diesem Forum helfen kann, denn leider kommen viele Threads in wenigen Sätzen auf ein Medikament heraus. Und ich habe den Eindruck, dass für die Betroffenen jede Menge Präparate angeboten werden, man das eigentliche Problem aber medizinisch nicht im Griff hat. Deshalb am Ende noch ein paar Tipps von mir, vielleicht hilft es jemandem.

Also hier mein Coming Out exklusiv für Euch…

Ich bin ein 47-jähriger Mann und in der Kundenberatung tätig. Durch die jahrelange Tätigkeit in Teams, als Vorgesetzter, als Manager und Kundenberater war ich schon immer darauf angewiesen, nach aussen hin eine gute Wirkung zu erzielen. Mein Problem: Zum guten Eindruck, den ich erwecken möchte, passen Pizzateller-große Schweissflecken an Brust und Bauch nicht unbedingt dazu. Und diese bestimmen seit der Pubertät meinen Alltag. Mittlerweile schwitze ich zeitweise sintflutartig an Brust, Rücken und unter den Achseln, aber auch nervös am ganzen Körper. Brust und Achseln bestimmen aber das optische Problem. So ein T-Shirt kann innerhalb von 10 Minuten vorne und unter den Achseln komplett schweissdurchtränkt sein. Klatschnass… Wenn etwas mich emotional tangiert, so wie anspruchsvolle Präsentationen, engagierte Diskussion in der Gruppe, humorvoll sein und gemeinsam lachen, schwitze ich am ganzen Körper. Das muss ich also kurz halten. Leider betrifft das auch meine Privatsphäre, wo mir immer verwundert bekundet wird: oh, Du bist ja total nass geschwitzt!

Das Schwitzen begann nach der Pubertät. Damals trug ich gerne Seidenhemden, in den 90ern modern. Das Tragegefühl war gut - bis sie anfingen, auf der Haut zu kleben und ich dazu überging, Unterhemden zu tragen. Diese puffern die Schweissmenge zwischen und so kommt man länger über die Runden. Seinerzeit war das Baumwolle und leider gab dieser Stoff die Nässe nur sehr langsam wieder ab.

Ich habe dann ein paar Jahre handwerklich gearbeitet und gelernt, mit dem Schwitzen umzugehen. Eigentlich war ich immer viel zu dünn angezogen und entsprechend oft stark erkältet. Jacken, die nicht atmungsaktiv waren, habe ich sukzessive aussortiert. Meistens bin ich bei der Arbeit mit Westen herumgerannt.

Als es dann in Agenturen mit dem Business losging, musste ich mir etwas überlegen, um diesen Makel zu kaschieren. Die Hemden bekamen große dunkle Flecken beim Schwitzen und weisse Schweissränder nach dem Trocknen. Sogar auf dem Rücken von dunklen Sakkos hatte ich Schweissränder. Zeitweilig habe ich mir vor den Meetings meinen Oberkörper mit Klopapier eingewickelt. Das geht so einigermaßen, aber wer verliert schon gerne Klopapierbrösel, wenn er den Konferenzraum verlässt? Und dieses seltsame Knistern…

Das Sakko feste Zuknöpfen führte unmittelbar dazu, dass ich bis an den Sichtbarkeitsrand klatschnass wurde. Also offen lassen. Mittlerweile ziehe ich bei Meetings, egal mit wem, relativ zeitnah mein Sakko aus, um abzudampfen. Vielleicht wirkt das seltsam, aber das muss ich nun in Kauf nehmen. Mache ich sogar auf der Messe - alle mit Sakko, ich ohne. Ein Alleinstellungsmerkmal ;-)

Unterhemden, besser T-Shirts wegen den Achseln, wurden zur Pflicht. Leider hielten sie auch nur begrenzt und deklassierten ein schönes Hemd wieder. Mein Chef fragte mich auch schon, warum ich T-Shirts darunter trüge. Das sehe doch beschi… aus! „Weil ich Dir mein Problem bestimmt nicht auf die Nase binden werde Du Tageszeitung“ dachte ich mir lächelnd dazu.

Ich verbrauchte Massen an Unterhemden (viertelarm) und habe alle Marken durchprobiert. Für ein Unterhemd kann man richtig viel Geld ausgeben oder es im Dreierpack kaufen. Wenn man sie nicht richtig einsetzt, ist der Verschleiss aber sehr hoch. Entweder der Kragen wird krumpelig, oder es entstehen gelbe Flecken unter den Armen.

Heute trage ich noch immer Unterhemden. Nun aber Funktionsunterwäsche, die wesentlich leistungsfähiger ist. Eigentlich Sportkleidung. Und gegen die gelben Flecken gibt es ein einfaches Mittel: Keine billigen klebrigen Discounter-Deos benutzen. Auf Qualität achten. Und vom ersten Mal an bei 60 Grad waschen. Spezialwaschmittel schaden m. E. nur der Umwelt und bekommen ein gelbes Hemd nicht mehr weiss. Das ist Marketing.

Ich begann, Hemden zu tragen, die den Schweiss nicht gleich erkennen lassen. Nach meiner Erfahrung ist Weiß am besten geeignet. Die trage ich notgedrungen fast immer. Oh ja, ich würde mich gerne modisch kleiden. Aber das ist einfach nicht drin, wenn ich nicht bei 3 Grad im T-Shirt draussen stehen will. Und selbst dann sind Schweissflecken nicht ausgeschlossen. Der Schweiss läuft mir über Brust und Bauch bis in den Hosenbund. Trage ich nun eine ungeeignete Hose oder stütze meinen Ellenbogen auf den Oberschenkel, bekommt die Hose Flecken. Auch das sieht dann noch peinlicher aus.

Kaffee - das schwarze Gift. Irgendwann fiel mir der Zusammenhang zwischen meinem Kaffeekonsum und den Schweissausbrüchen auf. In einer Agentur kippt man das Zeug den ganzen Tag hinein. Heisse Getränke wie Kaffee oder Tee fördern die Transpiration bei mir aber gewaltig. Also ging ich dazu über, den Konsum über den Tag auf ein Minimum zu reduzieren, was mir schon damals sehr viel ausmachte. Aber es hat sich als sehr sicherer Hebel herausgestellt, um zumindest das Schlimmste nicht auch noch zu forcieren. Vermeiden kann auch meine Schweissausbrüche dadurch aber nicht.

Irgendwann habe ich im Netz nach Präparaten recherchiert. Schwieriges Thema. Testweise hatte ich dann sündhaft teuere Deoroller, mit denen ich mich eingeschmiert habe und die die Schweissdrüsen dauerhaft verkleben sollten. Weiss nicht mehr wie das hiess. Aber die Wirkung ging gegen null.

Psyche - Quelle und Auslöser. Das Wissen um den zu erwartenden Schweissausbruch leitet diesen meist unmittelbar ein. Nervöses Schwitzen, eine mentale Angelegenheit. Ich merke, dass ich zu Schwitzen beginne und das wirkt wie ein Turbo. Natürlich nur unter gesellschaftlichem Druck. Wenn ich alleine bin, ist das ja egal. Manchmal frage ich mich was ich leisten könnte, wenn sich der Tag nicht wie ein Spiessrutenlauf gestalten würde?

Mein Hautarzt riet mir, eventuell mit Beruhigungsmitteln zu arbeiten. Nach Rücksprache mit meinem Hausarzt. Von Operationen riet er mir allerdings ab.

Jetzt habe ich 30 Jahre mit dem Problem hinter mir. Peinliche Situationen und Blamagen gab es seitdem zu Hauf, aber das führt hier zu weit. Außerdem gibt es immer Leute, denen es schlechter geht, nicht vergessen.

Wie komme ich heute durch den (Büro-)Tag? Hier meine Tipps:
  • Zum Frühstück nur einen oder keinen Kaffee. Besser viel Obst.
  • Duschen direkt vor dem Gehen. So kühl wie möglich, um nicht nachzuschwitzen.
  • Stressige Tätigkeiten wie Kinder fertigmachen, kämmen und anziehen vor dem Duschen erledigen.
  • Das perfekte Deo nehmen.
  • Funktionsshirt Kurzarm in weiß und weisses Hemd. Grosse Vorräte davon anlegen, gute Quelle finden.
  • Für die Fahrt im Auto ein kleines Handtuch mitnehmen, dass man auf die Haut unter den Sicherheitsgurt klemmen kann, um Flecken zu vermeiden.
  • Gute Klimaanlage fürs Auto.
  • Immer ein Ersatz-Funktionsshirt in Weiß im Gepäck.
  • Im Büro Ersatzhemd bereithalten.
  • Unter meinem Schreibtisch bläst (im Sommer) mindestens ein Ventilator.
  • In Meetings keinen Kaffee, sondern Wasser.
  • Spätestens 30 min vor den Meetings körperliche Anstrengungen vermeiden , auch Spaziergänge oder schnelles Treppensteigen. Besser Fahrstuhl fahren und gesondert Sport treiben.
  • In der Mittagspause eine Outdoorhose anziehen, wenn ein Spaziergang ansteht. Danach auch Funktionsshirt ggfs wechseln.
  • Auf der Strasse schieben sie ein Auto an - nicht mitmachen.
  • Keine Hektik! Perfekt vorbereitet sein, damit man nicht in letzter Sekunde noch „in Wallung“ gerät. Unvorhergesehene Pannen vermeiden, viel Zeit für Reserven einplanen.
  • Beim Betriebsausflug den Museumsbesuch wählen, nicht das Fitnessprogramm.
  • Viel Obst vor Meetings und am besten Tomaten.
  • Rechtzeitig vorher die Klima anwerfen, damit andere im Konferenzsaal keinen steifen Nacken bekommen und das Ding wieder ausmachen.
  • Sakko nur anziehen, wenn nötig oder zur Begrüßung. Dann wieder rauspellen.
  • Eine schöne Ausdauersportart aussuchen, wo man nach Herzenslust abdampfen kann. Fahrrad fahren ist gut. Oder Schwimmen!
.
Das ist es soweit. Wie kommt Ihr über den Tag? Habt Ihr es geschafft, mit ein paar Präventivmaßnahmen einigermaßen zurecht zu kommen?

LG sweatty23
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