Lieber Elassio,
erst mal vielen Dank für deine unglaublich lieben und aufbauenden Worte - und danke, dass du deine Geschichte hier teilst.
Die erfolglosen Versuche mit pflanzlichen Mitteln, das Unverständnis der Ärzte ("ist halt warm... alle schwitzen..."), die permanente soziale Isolation - all das sind Erfahrungen, die auch ich auf meinem langen, eigenen Leidensweg immer wieder machen musste.
Ich kann daher jeden deiner Schritte absolut nachvollziehen und ich verstehe, dass du bei deinem Leidensdruck in Oxybutynin deine vermeintliche "Rettung" gefunden haben willst.
Leider muss ich aber jetzt die Spielverderberin sein - weil du hier einem gefährlichen, medizinischen Trugschluss aufsitzt.
Ich versuche diesen mal für alle Mitlesenden verständlich gerade zu ziehen:
Ja, dein 22-jähriges Gehirn hat eine super Neuroplastizität und große kognitive Reserven. Das führt dazu, dass es die Auswirkungen des Medikaments auf das Gehirn im Alltag extrem gut überspielen kann. Es kann sie aber eben leider nur gut überspielen - da sind sie aber trotzdem.
Anders gesagt: aufgrund deiner Jugend fallen die gängigen Nebenwirkungen auf das zentrale Nervensystem (Müdigkeit, Vergesslichkeit, verlangsamtes Denken) praktisch "unter den Tisch". Du merkst vordergründig keine Nebenwirkungen, weil dein junges Gehirn die Blockade des Botenstoffs Acetylcholin unter enormem Kraftaufwand kompensiert.
ABER: nur, weil du den Schaden nicht bemerkst, heißt das nicht, dass er nicht da ist.
Der biologische Verschleiß im Hintergrund (Verlust von Synapsen, beschleunigter Abbau von Gehirnmasse) findet trotzdem statt. Auch wenn du noch keine 65 bist. Dein Gehirn vergisst trotzdem keine einzige Tablette. Jede Dosis Oxybutynin zahlt über die Jahrzehnte auf ein unsichtbares Schadenskonto ein. Deine Einnahmepausen stoppen zwar vorübergehend den Zähler, sie löschen aber das Schadenskonto nicht.
Dass die großen Studien fast nur Menschen über 65 untersuchen, liegt schlichtweg daran, dass Demenz erst im Alter ausbricht. Die Daten zeigen aber eindeutig, dass das Risiko zeitversetzt ist. Wer in seinen 20ern, 30ern oder 40ern über viele, viele Jahre hinweg Oxybutynin einnimmt, zahlt das Risiko also in der "Jugend" ein - die Quittung kommt dann aber erst 15, 20, 30... Jahre später.
Ich muss dir leider noch mal ganz deutlich sagen, dass du die Studien (vermutlich aus einer großen Hoffnung heraus) falsch interpretierst.
Was die Studien tatsächlich zeigen ist leider genau das Gegenteil von Entwarnung: nämlich, dass Oxybutynin ein junges Gehirn genauso schädigt wie ein altes.
Gleichzeitig ist mir wichtig klar zu stellen, dass wir bei dauerhaften oder irreparablen Schäden von einem schleichenden Prozess sprechen, der durch die Einnahme über viele, viele Jahre und Jahr(zehnte) hinweg entsteht. Es gibt also keinen Grund zur Panik, dass das Gehirn nach zwei oder fünf Jahren dauerhaft und irreparabel geschädigt ist. Es geht hier lediglich darum, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen und auf Alternativen umzusteigen, die das Hirn in Ruhe lassen.
Ich hoffe, ich konnte das für alle noch mal verständlich erklären und etwas Licht ins "Kleingedruckte" bringen.
Abschließend noch ein paar Stichpunkte zu Glycopyrrolat:
- eignet sich prima als hochwirksame Alternative, da es hydrophil (wasserlöslich) ist und die Blut-Hirn-Schranke nicht passiert
- ist in Deutschland regulär leider nur in Form einer Creme zur Behandlung von Achselschweiß zugelassen
- kann von der Apotheke aber rechtlich und medizinisch sicher in Tablettenform aus den USA importiert werden.
- Hierzu vom Arzt ein Privatrezept ausstellen lassen
- Damit kann die Apotheke dann das Medikament über einen Pharma-Großhandel (z.B. Ilapo mit Sitz in München) nach § 73 Abs. 3 AMG importieren.
- Der Ablauf wurde mir von meiner Stammapotheke erklärt und kann aus rechtlicher und medizinischer Sicht auf Basis eines Privatrezepts von jeder beliebigen Apotheke in Deutschland abgewickelt werden.
Herzliche Grüße, sweato